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Erzählungen aus der „Guten, alten Zeit“ von Ulrich Baumann. |
Erste
Autos Erste
Wasserleitung Feuerbekämpfung
Die Schmiede im Bungerloch
Das elektrische
Licht Brennholz
Das
Brunnenmannle Landwirtschaft
Bergbau Textilfabrik
Kirche und Pfarrer Schwabenkinder
Erste Fahrräder So
manch kleine andere Begebenheit Postautos
Schule Einkaufen
Bekleidung Hebamme Handwerk
Die
Tischlerei meines Vaters
Die
Firmung Das
Wikingerschiff Brauerei Starkenberg
Der 2. Weltkrieg
Die Verwundung
Das Sammellager
Heimkehr
Weiteres
Leben nach der Heimkehr aus dem II. Weltkrieg 1945
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Eigentlich
wollte ich ja nur über das Leben meines Großvaters Otto Sturm und über die
Zeit in der er lebte, schreiben. Aber da noch viele Fragen auftauchten,
entschloss ich, weiter auszuholen und noch einige interessante Situationen,
bemerkenswerte Begebenheiten aus meiner Kindheit und aus der Zeit meiner Eltern
und Großeltern weiterzuerzählen.
Ich wurde 1927 in Tarrenz bei Imst geboren und möchte
meine Erinnerungen gerne an meine Nachkommen und an die jüngeren Generationen
weitergeben.
Tarrenz um 1900 |
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![]() Der Dorfplatz, Blick Richtung Nordost um ca. 1929 mit einem der ersten Lastwagen von Leo Wolf. |
![]() Gasthof Lamm um ca. 1912. Angeblich handelt es sich hier um eine Salzlieferung über den Fernpass nach Niederbayern |
![]() Die Dorfstraße 1927; alle Kinder sind barfuß, rechts Gasthof Sonne, auch eines der ersten Autos ist zu sehen. |
Der Spruch „gute, alte Zeit“ konnte nur von wenigen, alten Leuten stammen, die damals an der Straße wohnten, als nur einmal am Tag die Postkutsche und noch ein paar andere Fuhrwerke durch das kleine Dorf Tarrenz durchfuhren. Aber ab etwa 1915 war es mit der ruhigen Zeit für die Straßenangrenzer vorbei. Die ersten Autos, zwar selten, fuhren mit Lärm, Gestank und staubaufwirbelnd durch die Dorfstraße und scheuchten die Leute und die spielenden Kinder von der damaligen „Fußgängerzone“. Fäuste zeigend schimpften manche den Fahrzeugen hinterher. So erzählte es meine Mutter. Erst 1929 wurde die Straße durch das Dorf asphaltiert. |
Den ersten PKW in Tarrenz fuhr der Baumeister Robert Wörle 1938. Bei ihm hatte ich 1942 als Maurerlehrling als 15 jähriger Bursche angefangen. Seine Stieftochter Maria hatte als erste Frau den Führerschein im Dorf. Nebenbei sei angeführt, dass Johann Kropf, Exbürgermeister, den ersten Traktor im Jahre 1938 im Dorf fuhr.
Das
Wasser wurde von einer Tränke aus dem Bach geholt. Die Tränke war eine
schräge Rampe zum Bach. Hier wurde auch das Vieh zum Tränken hingeführt. Vor
1911 gab es im Dorf auch einige Wasserentnahmestellen, die über kleine, teils
offene Kanäle und Rinnen mit Wasser aus dem Bach versorgt wurden. Dass es dabei
oft zu Wasserverschmutzungen kam, liegt auf der Hand.
Im Ortsteil Grießegg wurde der Brunnen über eine "Deichlleitung" mit
einer kleinen Quelle verbunden. Eine solche Leitung bestand aus 20 -30cm
dicken, ca. 3 m langen Baumstämmen. Diese wurden mit einem extra langen
Spezialbohrer durchbohrt. Die mit ca. 5 cm Durchmesser durchhöhlten Stämme
wurden an den Enden mit einem kleinen Stück Eisenrohr aneinander geschlossen
und in geringer Tiefe vergraben. Durch diese Holzleitung konnte das Wasser nicht
abfrieren. Das war nur eine Rinn- und keine Druckleitung.
Einen Teil einer solchen Holzwasserleitung mit "Deichelbohrer"
sind im Tarrenzer Heimatmuseum zu besichtigen.
Wasser aus der Leitung im Haus zu haben, ersparte natürlich viel
Wasserschlepperei für Stall und Küche. Dieser Fortschritt verlangte aber
vorher enorme finanzielle und körperliche Anstrengung. Zum Wasserleitungsbau im
Jahre 1911- 1912 mussten alle Männer im Dorf Fronschichten leisten, wer das
nicht konnte, musste bezahlen. Zur Verlegung der neuen großen Hochdruckleitung
im ganzen Dorf hinein ins
Bungerloch und hinauf bis zum Wasserreservoir musste ein bis zu 1,70 m
tiefer Graben ausgeschaufelt werden. Da kamen manchmal sehr große Steine
zum Vorschein. Diese Hindernisse wurden mit vereinten Kräften herausgehoben
oder mit Seilen herausgezogen. Für noch größere Brocken wurde seitlich eine
Nische gegraben, in die die Steine dann hineingedrückt wurden. Durch solche
Aktionen und immer wieder einbrechende Seitenwände, waren die Grabungsarbeiten
höchst gefährlich und sehr arbeitsintensiv. Das erzählte mir früher schon
ein älterer Mann, der bei diesen Arbeiten selbst dabei war.
Viele Leute konnten sich die kleine Verlängerung der Wasserleitung zu ihren Häusern, unter oder durch die Mauern, erst gar nicht leisten. In solchen Häusern war noch jahrelang das „Plumpsklo“ in der Scheune oder der Stall die Toilette. Die Wäsche musste mit Aschenlauge und einem Waschbrett im Waschzuber gewaschen werden. Aber nicht alle Häuser mit einer Wasserleitung hatten schon einen Abfluss für das Abwasser. Das Abwaschwasser aus der Küche (natürlich noch ohne Spülmittel) wurde manchmal auch mit etwas Salz und Futtermehl aufgewertet und als Trankl für die Rinder und Schweine wiederverwertet.
Erst im Laufe der Jahre wurde in einigen Häusern ein WC und ein Bad installiert. Dadurch wurde eine Klär – und Sickergrube notwendig. Die Klärgrube musste von Zeit zu Zeit ausgepumpt werden, denn eine Kanalisation war noch nicht vorhanden. Die gesamte Dorfkanalisation, die 1958 begonnen wurde, wurde erst mit der Fertigstellung der Kläranlage in Imst abgeschlossen. Aber es gab jetzt im Dorf mehrere Brunnen mit sauberem Wasser zu jeder Zeit.
Mit
der neuen leistungsstarken Wasserleitung wurden auch die Hydranten gesetzt.
Somit wurde die Feuerlöschung wesentlich schneller und wirksamer. Vorher war
man von der Motorspritze und einer ergiebigen Wasserentnahmestelle abhängig.
Das war übrigens der allererste Motor überhaupt, der im Dorf lief. Auf einem
leichteren Wagen wurden die Motorspritze und die dazugehörenden Schläuche
verladen. Im Brandfalle mussten die Feuerwehrmänner im Laufschritt den Wagen zu
einer Tränke bringen und zur Brandstelle eine Schlauchleitung legen. Nach Strad
oder nach Obtarrenz wurden Pferde vor den Feuerwehrwagen gespannt. Es sei
schon vorgekommen, dass in anderen Orten bei abgelegenen Höfen, wegen Wassermangels
der Inhalt der Jauchengrube zur Brandlöschung hergenommen wurde. In Obtarrenz
wurde der Walchenbach zu einem Löschteich gestaut und in Strad hat man eine große
Wasserreserve in der Nähe des
Kirchleins unterirdisch angelegt.
Die Geräte der Feuerwehr waren in einem großen Holzschuppen, gegenüber der
Keramik Fischer Werkstätte, untergebracht.
Vor
ca. 1900 wurden noch Wassereimer weitergereicht und mit einer Handpumpe konnten
nur kleine Brände gelöscht werden. Zusammengebaute Ortsteile, ja ganze Städte
brannten nieder.
So z. B. fiel in Imst im Jahre 1822 von den Kapuzinern bis zur
Pfarrkirche hin, alles einem verheerendem Feuersturm zum Opfer "..... Am 7.
5. 1822 brannten in Imst 220 Häuser in 18 Stunden nieder. Nur 14 Häuser wurden
verschont." Dies ist in Imst hinter der
Johanneskirche bei der alten Feuerwehrhalle auf einer Gedenktafel an der Mauer
nachzulesen. Schaut einmal hin! Aus der Geschichte wissen wir, dass auch
Weltstädte wie z. B. London 1666 fast zur Gänze durch Feuer vernichtet wurden.
Die Feueralarmsirene war bei uns im Dorf auf einem hohen Baumstamm in der Ecke bei Bargers Brunnen angebracht. Unter einem Dachl war ein Spezialgerät, so eine Art Trompete, mit mehreren Luftdruckflaschen in einem Verschlag verbunden. Durch Auf- und Zudrehen der Ventile wurde der Alarmton reguliert. Die Leistung war beachtlich. Außerdem bliesen noch die Feuerwehrmänner zum Alarm.
Noch lange in die 40 iger Jahre hinein ging ein Nachtwächter durch das Dorf. Er bekundete den Dienst der Bevölkerung durch Ausrufe, z. B.: „Dar Hommer hat uans gschloge, uans!“ (Der Hammer am Glockenturm hat eins geschlagen!) So konnten die Leute beruhigt weiterschlafen.
Ab und zu rief der Nachtwächter
folgendes Sprüchlein aus:
" Steht auf
ihr Bürger und Bauern, seid munter und wach!
Der Tag
vertreibt die finstre Nacht!
Gott
lobet unseren Herrn, betet für die armen Seeln!
Tiats
fleißig an sie denken, und ihnen den Ablass schenken!
Gelobt
sei Jesus Christus!"
Im Ortsteil Bungerloch stand früher eine Schmiede. Aus der hörte man öfters das „Bungern“ (schlagen) der großen Wipphämmer. Der große hatte einen ca. 3m langen Schaft und vorne einen 60 – 80 kg schweren Hammer, der kleinere hatte vorne ein 20 – 30 kg Gewicht. An einem dicken Baumstamm ( Walze) waren Zapfen angebracht, die durch das Drehen die Wipphämmer anhoben. Durch das Eigengewicht sausten die Hämmer auf das glühende Eisenstück nieder, um es zu formen. Je nach Bedarf wurde der große oder der kleine Hammer in Betrieb gesetzt. Das geschah durch eine Klappstütze, die den einen oder anderen Hammer am Fallen hinderte. Gesteuert wurde die Geschwindigkeit der Walze und somit die Schlagfolge der Hämmer durch eine Gestängeverbindung zur Wasserrinne. Diese war in Verbindung mit dem Wasserrad. Der Name „Bungerloch“ dürfte wohl wegen dieser „Bungerhämmer“ der alten Schmiede entstanden sein.
Ich schaute mir als 10 jähriger Bub diesen Mechanismus genau an und es war für mich ein faszinierendes Schauspiel. Einmal sagte der Schmiedemeister zu mir, ich sollte mich auf den schlagenden Hammer draufsetzen, dann bekäme ich einen „Zepf“. Das war eine 10 - Groschenmünze im Wert einer kleinen Schokolade. Irritiert durch diese Verlockung sagte ich, er solle sich selber zuerst draufsetzen. Als er dann nur lachte, wusste ich, dass es nur ein Scherz war.
Um
1908 gab es in unserem Dorf den ersten elektrischen Strom. Der wurde mit
zwei kleinen Anlagen, die mit Wasserkraft aus dem Dorfbach betrieben wurde,
erzeugt. Das eine Kraftwerkl war direkt am Bach gegenüber der Guemsäge und das
andere im Keller mitsamt einer kleinen Mühle im untersten Haus des Dorfes
untergebracht.
Später betrieb unser Dorfbach 3 kleine Kraftwerke, 2 Sägen, 3 Mühlen, 2
Schmieden und eine Wagnerei mit Wasserkraft.
Meine
Mutter war 16 Jahre alt, als 1912 das erste elektrische Licht in der Stube von
Otto Sturm eingeschaltet wurde. Alle Nachbarn sind zu diesem Ereignis gekommen.
Mit Neugierde, Erstaunen und Freude drehten sie alle an dem
„Zauberschalter“. Sie konnten es kaum erwarten, bis auch bei ihnen dieses
„Wunderlicht“ installiert wurde. Durch
den elektrischen Strom konnten erstmals nur Küche und Stube mit einer 15 oder
25 Watt Lampe erleuchtet werden. Um Strom zu sparen, wurde manchmal an den
Zwischenwänden zweier Kammern eine Maueröffnung gemacht, so konnte eine Lampe
gleich zwei Räume erhellen. Es genügte auch pro Haus nur eine Sicherung. Ein
Elektrobügeleisen war schon Luxus und es sollte nur bei Tag verwendet werden.
Denn am Abend ging die Leuchtkraft der Lampen wegen Überlastung durch ein Bügeleisen
rasch zurück. Vorher wurde ein
schweres Bügeleisen mit Holzkohle erhitzt.
Die Stromleitungen waren nur auf der Mauer verlegt und mit einer dünnen Stoffhülle isoliert. Beim Ausmalen der Räume oder Hausgänge wurden die Leitungen feucht und somit elektrisierte oder kitzelte die ganze Wand. Das passierte auch bei uns im Haus bis 1943. Als 16- jähriger Bursche verlegte ich neue Leitungen in Rohre und unter Putz. Stärkeren Strom für Licht und Motoren gab es erst nach dem Netzanschluss an die TIWAG (Tiroler Wasserkraftwerke) 1930.
1942 war ich als Maurerlehrling bei Baumeister Wörle beschäftigt. Alle mussten damals pro Tag 10 Stunden arbeiten und das 5 Mal in der Woche. Ergibt 50 Wochenstunden. Die Brotzeit dauerte ¼ Stunde und diese musste zu Mittag eingearbeitet werden. Es wurden nicht 10 Stunden, sondern nur 9 Stunden pro Tag bezahlt, mit der einen Stunde wurden Krankenkassa, Steuer und Versicherung bezahlt.
Der Stundenlohn für mich als Lehrling war
DM 0,40 somit war der Tagesverdienst DM 3,60 – ein Sack Zement kostete
DM 5.-- .
Der Stundenlohn
für einen Hilfsarbeiter war DM 0,60 und für einen Mauerer
DM 0.90.
Die Arbeiten im Wald zur Brennholzbeschaffung waren besonders hart, anstrengend, gefährlich und aufwändig. Zuerst musste man zu Fuß manchmal bis zu 2 Stunden mit Wiegesäge, Hacken und Zappin beladen, zum Waldteil gehen. Die Bäume, im oft schwerzugänglichen Gelände, mussten mit der Handsäge gefällt, die Äste abgehackt und mit einem Ochsenkarren zu Tal gebracht werden.
Für das Warmwasser, zum Kochen, Backen, Waschen und für die Wärme im Haus wurde ausschließlich Holz verwendet. Für den Küchenherd wurde das Holz in ca. 30 cm lange Stücke von Hand abgesägt, mit der Hacke gespalten und zum Trocknen aufgestapelt. Der Kachelofen wurde fast nur mit Stroh gebündelten, trockenen Ästen „Schöible“ befeuert. In den meisten Häusern war in der Stube neben der Kachelofenbank in der Mauer eine Nische mit Rauchabzug zum Kamin. In den langen Winterabenden brannte darin das heimelige, lichtspendende, offene Kienfeuer. Kienspäne waren sehr harzhältige Holzstäbe. Wir Buben kletterten um den Kachelofen, mein Vater fachsimpelte mit seinem Freund Neumair, einem Fotografen aus Imst, der öfter mit seinem Motorrad zu uns auf Besuch kam. Mein Vater war damals einer der ersten Hobbyfotografen in Tarrenz. Meine Mutter ließ das Spinnrad schnurren um Wollfäden zu spinnen ... so verliefen manche Winterabende. In dieser Kienfeuernische ist heute das Telefon installiert.
Im Winter war es nur in der Küche, in der Stube und im Stall warm. Deshalb wurde auch in der Küche oder im Stall in einem Holzzuber gebadet. Ich schlief mit meinen zwei Brüdern in einem ungeheizten Raum. Die äußeren Steinmauern waren unisoliert. Darauf glänzten im Winter oft dicke Eiskristalle. Auch in der Kammer, in der meine lb. Frau als Mädchen mit ihren 3 Schwestern schlief, war der Eisschnee an der Außenwand so dick, dass es beim Abschaben ein Schaffel voll gab.
Als Bett- und Fußwärmer diente ein Ziegelstein, der tagsüber im Backrohr aufgewärmt und abends mit Fetzen umwickelt mit ins Bett genommen wurde. Wir Buben verwendeten auch mit heißem Wasser gefüllte Flaschen mit Kippverschluss. Einmal verfing sich im Schlaf einer meiner Zehen im Drahtverschluss einer Wasserflasche. So träumte ich, ich wäre im Wald in eine Fuchsfalle getappt und wachte erschrocken auf.
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Mein Opa Otto Sturm war Sensenschmied. Er ging öfters mit seinen gefertigten Sensen in einem Rückkorb ins Pitztal, um diese den Bauern zum Kauf anzubieten. Ein armer Bauer in Leins jammerte, dass er wohl eine Sense bräuchte aber er kein Geld habe, diese zu bezahlen. Da jedoch der Bauer eine Hand zum Schnitzen hatte und zufällig eine kleine Holzfigur, ein Bauernmannle, in seiner kleinen Werkstatt stand, bot er dieses kleine Kunstwerk als Gegenleistung für die Sense an. Otto tauschte gleich zwei Sensen für das kleine, geschnitztes Bauernmannle ein, mit einer Zipfelmütze und mit einer Kraxe am Rücken und mit einem Stock in der Hand. Und so steht das Holzmannle aus dem Pitztal seit 1912 auf der Brunnensäule, geschmückt mit einem Blumentopf, vor unserem Haus im Kappenzipfl und ist stets ein beliebtes Fotomotiv für die Urlaubsgäste.
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Die meisten Leute lebten nur von der Landwirtschaft. Die Bauern mussten die Wiesen mit der Sense von Hand mähen, das Heu mit Handrechen und Heugabeln bearbeiten. Mit einem Holzwagen, von Kühen oder Ochsen gezogen, wurde das Heu in die Scheune oder in einen Wiesenstadel gebracht. Das Korn mussten die Bauersleute mit der Sichel schneiden und mit dem Dreschflegel dreschen. Je nach Familiengröße wurde wöchentlich oder monatlich Brot im gemauerten Backofen gebacken. Im Winter wurde geschlachtet, danach gab's Frischfleisch. Sonst wurde das Fleisch zu Speck und Hauswürsten verarbeitet und geselcht. Eier wurden in einem Eimer mit gelöschtem Kalk eingelagert.
Die Frauen und Mädchen haben die warme Wollkleidung hergestellt. Die Schafwolle wurde gewaschen, kardatscht, mit dem Spinnrad gesponnen und zu langen Strümpfen, Socken, Handschuhen, Mützen und Pullover verstrickt.
Es
gab viele Klein- und Kleinstbauern, die nur 1 –3 Ziegen besaßen. Der
Ziegenhirt Franz Neururer sammelt täglich morgens bis zu 100 Ziegen vom Dorf
zusammen, trieb sie auf unmähbaren Weideflächen und in den Wald und brachte
sie abends zum Melken wieder zu den Bauern zurück.
Während des Krieges musste jeder Bauer über seinen Viehbestand genaue Angaben
machen. Nach der Größe dieses Viehbestandes musste ein entsprechender Teil als
Schlachtvieh (Stellfleisch) an die Stadtmetzgereien abgeliefert werden. Diese
Angaben wurden öfters von einem Viehkontrolleur überprüft. Einmal
musste meine Mutter dem Kontrolleur aufzählen: "...2 Kühe, 1 Jungtier, 2
Schweine, 9 Hennen, 7 Schafe und sonst nix mehr!" Aber meine kleine
Schwester ergänzte noch ganz erfreut : "....und noch zwoa Lample!"
Die hätte meine Mutter beinahe "vergessen" anzumelden.......
![]() Beim "Suren" mit einem Kuhfuhrwerk drunten im Kappenzipfl 1968 |
![]() |
Verdienstmöglichkeiten außerhalb des Dorfes gab es für wenige Männer im Bergbau St.Veith im Tarrentonalmgebiet. Dieses Zink- und Bleibergwerk war noch bis 1929 in Betrieb.
Eine weitere Arbeitsmöglichkeit für viele Männer und Frauen aus unserem Dorf war die Schindler Textilfabrik in Imst- Brennbichl. Die Leute gingen zu Fuß, Sommer und Winter, jahrzehntelang am Bigerweg zur Fabrik. Nach frischem Schneefall gingen die Männer voraus um für die Frauen mit den langen Röcken den Weg anzutreten. Hosen waren für die Weiblichkeit verpönt.
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Das „Rodeln“ wurde den röcketragenden Frauen und Mädchen von den „Geistlichen“ verboten. Ob die Heuarbeit ausnahmsweise auch am Sonntag erlaubt war, entschied der Herr Pfarrer. Heiratswillige Paare mussten sich früh genug beim Herrn Pfarrer anmelden und dieses Vorhaben wurde dann am Sonntag von der Kanzel aus verkündet. Die Bevölkerung war aufgerufen, eventuelle „Ehehindernisse“ baldigst zu melden. Durch die eingeschränkten Verkehrsverbindungen zu anderen Dörfern war die Gefahr der Verwandtschaftsehen schon gegeben. Auch der Herr Bürgermeister musste zur Heirat seine Einwilligung geben. „...dass ja nicht etwa zwei heiraten, die nichts haben und nichts können, und deswegen vielleicht später der Gemeinde zur Last fallen.“
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Unser Dorf war auch ein Notstandsgebiet. So mussten um die Jahrhundertwende 18./19. Jahrhundert Jahr für Jahr die älteren Kinder aus Tirol, Vorarlberg und aus anderen Gebieten als Knechte und Mägde ins Allgäu. Der Lohn für die Schwerarbeit war das Essen und die Kleidung. Zu Hause hatte man einen Hungrigen weniger an der Schüssel.
Über diese und noch andere Themen wäre in der „Chronik von Tarrenz“ von Walter Schatz nachzulesen. Auf Seite 59 ist auch meine Tochter Helene erwähnt, die sich in ihrer „Hausarbeit“ für die Pädagogische Akademie mit der Entwicklung des Fremdenverkehrs im Gurgltal beschäftigte.
Nun
zurück in die Mitte der 20 iger
Jahre. Da gab es die ersten Fahrräder, aber nur für wenige. Mein Vater war
einer der Glücklichen. Das Geld verdiente er sich als Tischlergeselle
beim Siber Karl (im Griesegg, letztes Haus). Als er das Radfahren so
einigermaßen beherrschte, wollte er es auch gleich der im Nachbarhaus wohnenden
Verlobten Antonia, später meine Mutter, beibringen. Nachdem sie einige Fahrübungen
mit meinem Vater hinter sich hatte, wollte sie mal alleine weiterüben. Meine
Mutter erzählte:.... Aber das war auf dem Herrenrad mit der Stange und mit
dem langen Rock nicht so einfach. Das Rad ging ziemlich hin und her. Ein Mann,
der zufällig des Weges kam, stellte sich schon mal vorsichtshalber auf die
Seite. Aber das Fahrrad zog mich im letzten Moment direkt auf ihn zu. Ich
erfasste ihn im Fall und riss ihm die Krawatte über die Schulter. Erschrocken schrie er
„ fix sagra, so hat mich noch keine gepackt!“ Meine Mutter, selbst
geschockt, entschuldigte sich und
schob das Rad nach Hause. Nach diesem Erlebnis wollte sie nie mehr fahren. Ihre
4 Schwestern bekamen auch kein Fahrrad, denn die Räder waren teuer und Frauen
sollten sowieso mit Röcken nicht Rad fahren.
Wenn ältere Leute jungen
Radfahrern ausweichen mussten, schimpften sie:“ ..die kanntes epa it dargia!“
Auch konnten die jungen Leute nicht schwimmen lernen, denn öffentliches Baden gehörte sich einfach nicht und so gab es natürlich auch keine Badekleidung.
Ich war als Bub ein begeisterter Stelzengeher und die Stelzen mussten immer höher werden. Als ich bei etwa 70 cm war, kam mir die Idee, nun im Bachwasser zu gehen. Der Einstieg bei der Tränke war kein Problem. Ein kleines Stück konnte ich mit Mühe gehen, aber die starke Strömung, die Steine und die Löcher, die man kaum sah, machten meinen Stelzenspaziergang im Bach ein jähes Ende. Ich fiel in den Bach. Den davonschwimmenden Hölzern barfüßig nachzujagen war schon schwierig, aber ich hab meine Stelzen noch erwischt. Beim Heraussteigen merkte ich, dass ich am Fuß eine stark blutende Wunde hatte. Im Bach waren Glasscherben, in eine solche muss ich anscheinend getreten sein. Trotz dieses Zwischenfalls ließ mich das Stelzengehen nicht mehr los. Ich brauchte noch höhere Latten, die ich an einem alten Maistrockengestänge fand. Die Trittbacken montierte ich so hoch, dass ich über 2 m hoch stand und so konnte ich mir von den Marillenbäumen die schönsten Marillen holen. Mit diesen verlängerten Beinen stelzte ich hinter den Häusern entlang, über die Wiesen hinein bis ins Dorf zum Wörlehaus. An der Balkonbrüstung konnte ich absteigen. Ein andermal, als ich wieder mit meinen langen Stelzen unterwegs war, kam ein Bäckergeselle mit einem Korb voll Brot am Rücken mit seinem Fahrrad daher. Er rief mir zu: " Grätsch deine Stelzen!" und er fuhr zwischen meinen verlängerten Beinen mit seinem Fahrrad durch. Einmal hielt sich meine 3 jährige Schwester unten an den Stelzen fest und ließ nicht mehr los. Da konnte ich das Gleichgewicht nicht mehr halten aber ein kontrollierter 2 m Sprung war gerade noch zu verkraften.
Es muss zwischen 1914 und 1918 gewesen sein, so erzählte meine Mutter. .....Ich war eine junge Frau, stand vor der Tür mit zurückgestülpten Ärmeln und habe mich mit einem Mann unterhalten. Eine alte ledige Tante kam auf mich zu, riss mir die Ärmel vor, dabei sagte sie barsch:“.. deswegen hört der Krieg it au!“ Da gehört schon Fantasie dazu, solche Aussagen zu hintergründen.
Ein Pfarrer im Lechtal suchte aushilfsweise ein Häuserin. Er schrieb im Brief ...“nur bitte mit langer Ärmelbekleidung ..“ Dieser Wunsch war im kühlen Lechtal leicht erfüllbar.
Pumpers Lisele besaß einen Holzkarren und einen Ochsen und war die Bötin für die Umgebung. Mit diesem Gespann brachte sie regelmäßig verschiedene Bauernprodukte wie Eier, Speck, gewebte Teppiche, Wolle usw. nach Innsbruck zum Verkaufen. Auf dem Rückweg nahm sie Dinge aus Innsbruck mit, die es im Dorf noch nicht gab, wie Stoffe, Spitzen, Nähzubehör, Gummizüge, Geschirr u.v.a. So eine Tour dauerte oft 10 Tage und länger. Die Frau schlief in ihrem Karren und der Ochse hat sich am Straßenrand selbst versorgt.
Die Oma von Markus Wörle hatte ostseitig ein kleines Geschäft und westseitig war eine Schusterwerkstätte des Klaus Sailer untergebracht. Drei Schustergesellen arbeiteten dort, reparierten und fertigten Schuhe an. Als Bub schaute ich gerne zu. Einer der Gesellen sagte mal zu mir, ich solle ihm den Hammer reichen. Als ich den Stiel anfasste, merkte ich sofort, dass er mit Hühnerdreck eingeschmiert war. Gelächter aller, außer mir. Bis sich der gemeine Schabernack herumgesprochen hatte, fielen noch einige andere darauf herein. So etwas vergisst man sein Leben nie.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite war die Post mit nur einem Raum. Hier wurden die paar Telefonverbindungen händisch umgesteckt.
Im gleichen Haus daneben war auch eine kleine Gastwirtschaft. Hier trafen sich am Sonntag nach der Kirche die Männer zum Neuigkeiten Erzählen, zum Kartenspielen, Rauchen und Trinken. Dieses Gebäude, das die Straße zu sehr verengte, wurde später abgerissen.
![]() Das Bild zeigt wohl ein noch etwas "älteres" Postauto. |
Meine Mutter erzählte mir, es hätte manche alte Leute gegeben, die in ihrem Leben nie in Innsbruck waren bis es die ersten Postautos gab. Das Postauto gab die Möglichkeit, über das Dorf hinaus das Land zu erkunden. Ich kam von der Schule. Da stand das Postauto mit einer Leiter hinten drauf. Über diese Leiter konnte man das Dach besteigen und große Pakete und sonstige sperrige Dinge auf dem Dach unter einer Plane transportieren. Ich sah diese einladende Leiter, stieg auf die erste Sprosse und dachte mir, jetzt fahr ich mit bis zum Mauschl dann werde ich abspringen. Denn öfters hatte ich mich schon problemlos an Pferde- oder Ochsenfuhrwerke hinten angehängt. Bis ich einmal die Peitsche zu spüren bekam. Nun ging's los. Aber diesmal war es ganz anders. Ich hatte die Geschwindigkeit und die Fliehkraft in der Kurve total unterschätzt. So blieb ich in Panik geratend noch verkrampft hängen. In der weiteren Gerade wurde der Bus immer schneller. Ich muss jetzt springen, sonst muss ich noch vom Dollinger oder gar von Nassereith zu Fuß zurück, dachte ich mir. Böses ahnend sprang ich ab. Ein fürchterlicher Sturz, mit mehreren Überschlägen der Straße entlang, war natürlich die Folge. Meine hölzerne Schultasche flog mir einige Male um die Ohren, Prellungen und Hautabschürfungen überall. Ganz benommen musste ich nach Hause humpeln. Im Schrecken rief meine Mutter:“ In Gottswille, i woass mar nimme zhalfe!“ Strafe bekam ich erwartungsgemäß keine mehr. Die Schmerzen, das Brennen beim Ausreiben der Abschürfungen mit Schnaps, waren Strafe genug. Meine Eltern waren selber froh, dass sie mit mir nicht zum Doktor oder gar ins Spital mussten. Das wäre sehr umständlich und teuer gewesen. Das war meine kürzeste und eindrucksvollste Postautofahrt meines Lebens.
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Mein Vater hatte für uns 3 Buben eine Schultasche aus Holz gemacht. Es war ein Holzkistchen mit Schulterriemen und einen Lederdeckel zum Zuhängen, passend für unsere Schiefertafel, Griffelschachtel, Lesebuch, Rechenbuch und unser Schönschreibheft. Ein kleiner Schwamm und ein Wischlappen war mit einer Schnur an der Schiefertafel befestigt und hing baumelnd aus der Schultasche. Andere Kinder hatten diese Sachen in einem Rucksack verstaut. Ob es keine richtigen Schultaschen zu kaufen gab oder ob sie einfach zu teuer waren, kann ich nicht sagen. Ein kleines Tintenfässchen steckte in der Mitte jeder Schulbank. Mit einem Federstiel wurde Schönschreiben geübt.
Die Schulgasse erinnert an das alte Schulhaus. Im alten Schulhaus gab es kein fließendes Wasser. Das Wasser zum Tafelputzen und Händewaschen musste mit einem Krug von einem Brunnen geholt werden. Das Klo war ein „Plumpsklosett“ also eine stinkende, im Winter eiskalte, freie Fall Einrichtung. In jedem Klassenzimmer stand ein eiserner Kohleofen, der in der Nähe extrem heiß war, aber die Plätze hinten im Klassenzimmer kalt ließ. Unser neues Schulhaus in der Trujegasse wurde in den Jahren 1964-1968 erbaut.
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1.Klasse
Volksschule 1934 mit Frau Lehrerin Haas hinten an der Wand,... und Herrn
Kooperator Moritz. Hinterste Reihe, der Bub mit Kopfbinde, war mein Bruder Rudi. |
Im
Parterre des Kadihauses war ein kleines Geschäft untergebracht. Viele
Lebensmittel wie Zucker, Mehl, Salz usw. wurden in Schubladen gelagert. Der
Kaufmann steckte eine Papiertüte in einen Ring einer Waage und schüttete mit
einem Schäufelchen die gewünschte Menge in die Tüte. Nur die wenigsten Leute
konnten bar bezahlen. Da gab es zwei Büchlein. Eines hatte der Kaufmann und
eines der Einkäufer. In beiden wurde das Gleiche eingetragen. Erst wenn wieder
einmal Geld vorhanden war, konnten die Schulden getilgt werden. An einem
Handpumpgerät vor der Tür konnte man Petroleum für die Lampen kaufen.
Während des Krieges mussten alle Grundnahrungsmittel über eine
Lebensmittelpunktekarte gekauft werden. Diese wurden von der Gemeinde verteilt
und waren pro Person und Alter äußerst knapp bemessen. Der Kaufmann musste bei
jedem Einkauf die entsprechenden Marken von der Karte herunterschneiden, und
wenn die Karte fertig war, konnte man auch nichts mehr kaufen. Die
Brotmarken reichten für viele nicht aus, deshalb gab´s oft schon zum
Frühstück geröstete Erdäpfel.
Auch für Schuhe, Bekleidung, auch für Nägel usw. musste ein Bezugsschein bei
der Gemeinde angefordert werden, um Hamsterkäufe zu verhindern.
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![]() Ulrich und Rudi bei ihrer Erstkommunion |
Mit
der Bekleidung für uns Buben war es nicht so tragisch. Wir trugen fast nur
selbst Geschneidertes und Gestricktes von der Mutter oder Großmutter. Wollene
Strümpfe, die bis über das Knie
reichten, mussten mit einem Ringgummi festgehalten werden. Aus einem alten
Mantel wurden wieder Hosen genäht und ganz aufgetragene Kleidungstücke wurden
in Streifen geschnitten, zusammengenäht und zu Fleckerlteppichen verarbeitet.
Wir haben nur am Sonntag in die Kirche, zur Schule und im Winter Schuhe
getragen. Sonst liefen wir immer barfuß umher, auch in die Maiandacht.
All die
Sachen bekamen wir meist vom Christkindl. Der Nikolaus war nicht gerade
spendabel. Die Nüsse und die Kastanien wurden schön ausgezählt und verteilt.
Den ersten Anzug bekamen wir zur Erstkommunion. Den mussten wir nach der Kirche
sofort ausziehen. So konnten wir wieder bequem Räuber und Gendarm spielen.
Die
Frisur war einfach. Der Kopf wurde kahl geschoren, sodass die Kopfläuse, die
man sich von der Schule holen konnte, nicht so leicht mit nach Hause
eingeschleppt wurden.
Paula
Perktold geb. Wörle arbeitete viele Jahrzehnte hindurch als Hebamme. Sie hatte
den meisten jungen Erdenbürgern im Dorf bei Hausgeburten in die Welt geholfen.
Bei einem Jahrgangstreffen hatten wir Frau Perktold eingeladen und sie wusste
viel zu erzählen. Bei Dunkelheit, Kälte und Schneetreiben war sie zu den
Frauen unterwegs. Da es noch kein Telefon und fast keine Autos gab, mussten die
Männer sie erst holen. Durch den Zeitverlust gerieten manche Frauen in
kritische Situationen. Sie erzählte, dass sie bei über 900
Hausgeburten behilflich war, aber eine Frau ist ihr dabei weggestorben.
Einmal
klopfte ein Mann in der Nacht an ihr Schlafzimmerfenster und schrie:“ Paula,
Paula, schnell, es geht los!“ und weg war er. Da aber gerade zu dieser Zeit 2
Frauen niederkamen, eine sogar in Obtarrenz, wusste sie nicht, zu welcher sie
eilen sollte. So hatte Paula doch
noch rechtzeitig die richtige Frau besucht.
Meine Mutter erzählte, als sie bei
mir im 7. Monat schwanger war, setzten bereits die Geburtswehen ein. So schickte
sie sicherheitshalber meinen Vater die gute Frau Perktold zu holen. Als die
beiden kamen, war ich der Schnellere, denn ich war schon da. Meine Mutter sagte,
ich war so klein, dass ich in einem Bierkrug Platz gehabt hätte. So wurde ich
statt beinahe ein "Engelchen" ein aufgewecktes
"Bengelchen".
Ihre letzte Geburtshilfe vor der
Pensionierung war die bei meiner Tochter Helene.
Noch einmal zurück zu den 30 iger Jahren. Da gab es Schuster, Schneider, Müller (daher auch viele dieser Familien – oder Hausnamen.) und Tischler.
Neben den 3 großen Schmieden gab es noch mehrere kleine Nagelschmitten, die die Schuhnägel erzeugten und weit in der Umgebung bekannt waren. Damals wurden die Schuhe vorne an der Spitze mit besonders geformten Nägeln (die Flügler) und die Schuhsohlen mit zahlreichen Schuhnägel verstärkt.
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Im Heimatkundeheft stand folgendes Gedicht: "Torrez isch a schiane Stadt, |
In der Trujegasse wohnte die Großfamilie Wolf. Der Vater war auch Schmied, deshalb besteht heute noch der Hausname „Schmiedler“. In dieser Familie wuchsen 19 Kinder auf, ja 19 Kinder, alle von einer Frau! Diese kinderreiche Mutter habe ich noch sehr rüstig erlebt. Sie hat selbst beim Viehmarkt in Imst die kleinen Ferkel aus der Kiste gehoben und zum Verkauf angeboten. Zu diesem Viehmarkt kamen auch die Bauern aus dem Ötztal und aus dem Pitztal zu Fuß und trugen ihre Ferkel oder andere Jungtiere im Rückkorb nach Imst oder nach Hause.
Einer der Söhne der Großfamilie, der Hugo, hat eine Bäckerei angefangen, aber das ging nicht lange gut. Zu viele Leute holten Brot und konnten es nicht bezahlen. Die Leute konnten auch Brot in den 2 Geschäften kaufen. Da gab es auch noch 2 Frauen, die in ihren Privathäusern aus Imst angeliefertes Brot verkauften. Man musste an einer kleinen Kuhglocke an ihrem Haus läuten. Die eine war das „Soffele“ in der hintersten Ecke der Mittergasse, die andere war ein altes Weiblein in der Trujegasse, das nach dem Läuten schwerfällig eine lange Treppe zum Verkaufsraum herunterkam. Sie fragte immer zuerst: „Wem kearsch iez du?“ Auffällig und lustig fanden wir Kinder die kleinen Warzen in ihrem Gesicht. Von ihr bekamen wir Kinder als Zugabe oft eine kleine Brezel, ein Gipfele oder ein Zuckerle.
Mein
Vater, Karl
Baumann wurde 1900 geboren und war seit
1924 selbständiger Tischlermeister.
Die
Werkstätte hatte er im Parterre in seinem Elternhaus. Da standen zwei
Hobelbänke. Auf einer hatte früher ein Geselle gearbeitet. Wir Buben haben
damals auch so manches gebastelt und unter Aufsicht meines Vater
mussten wir auch Hausaufgaben und Leseübungen in der Werkstatt machen.
Auf dem kleinen Eisenofen musste man immer den Knochenleim im heißen Wasserbad
heiß machen, bevor man den Leim verwenden konnte. Eine selbstgebaute
Holzdrehbank mit Fußtretantrieb und noch einige andere Handwerkzeuge wurden
verwendet. Es war eine Kleintischlerei ganz ohne Maschinen. Das muss man sich
einmal, nein, das kann man sich heute nicht mehr vorstellen.
Da gab es eine
Tischlerkarre, eine Plattform mit Schiebebalken mit zwei großen, leichten
Holzrädern (Selbstbau). Ungehobelte, schon händisch zugeschnittene
Bretter haben wir auf diese Karre geladen, und schoben sie zu der Wagnerei des
Franz Wolf. In seiner Werkstätte hatte er eine mit Wasserkraft betriebene
Hobelmaschine. Auf ihr konnte mein Vater die Bretter hobeln, dies bedeutete eine
große Erleichterung. Es war aber immer noch eine Schwerarbeit, aus diesen
Brettern, schöne massive Möbelstücke aller Art zu machen. Das
waren Schlaf-, Wohnzimmer und Kücheneinrichtungen, Fußschemel,
hölzerne Wassereimer, Bienenstöcke, Spinnräder, Schnapsfässchen, Fenster und Türen, Jagdschränke, Särge,
bis zu den kunstvoll geschnitzten Möbelfüllungen und Haustüren.
Auch machte
mein Vater für unsere kleine Landwirtschaft ein komplettes Fuhrwerk und eine Geräteausstattung. Das war ein Holzwagen mit Holzräder, Holzegge, Pflug,
"Gretter" und Jauchentruhe. Der Schmied musste noch die
Eisenbeschläge anbringen. Die Kummetgeschirre für die Kühe hat ein
"Störsattler" (ein Handwerker, der ins Haus kam) aus Inzing gemacht.
Diese Arbeit verrichtete er in unserem Bubenzimmer und während dieser Zeit, schliefen
wir am Balkon in einer Nische.
Über das eigene, selbstgebaute
Fuhrwerk freuten wir uns alle sehr.
Später hat mein Vater mehrere kunstvoll geschnitzte Bauerntruhen hergestellt, die von einigen Touristen auch mit ins Ausland mitgenommen wurden. Eine junge Frau, die Ernie, die als kleines Mädchen mit ihren Eltern nach Australien auswandern musste, kam nach vielen Jahren wieder nach Tarrenz. Sie wollte unbedingt ein Stückchen "Heimat" mit nach Hause nehmen. Und so landete eine geschnitzte Holztruhe nach mehrwöchiger Schiffsreise auch in Australien.
Nach dem 2. Weltkrieg wurde ein neues Kriegerdenkmal notwendig. Mein Vater entwarf ein Modell und nach diesem wurde das neue Kriegerdenkmal um 1948 gebaut.
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Der Jagdschrank mit Jagdmotiven für den Herrn Hofrat. |
Karl Baumann mit seiner kunstvoll geschnitzten Holztruhe. |
Der ältere Bruder
meines Vaters war unter anderem auch Jagdaufseher bei Dr. Hofrat Ing. Hans
Christian in Niederösterreich. Da mein Onkel schon einige schöne Handarbeiten
von meinem Vater besaß, wurde sein Arbeitgeber aufmerksam und erkundigte sich
über die Herkunft. So kam es zu einer Verbindung mit dem Herrn Hofrat und zu
einem Großauftrag für einen Jagdgewehrschrank. Über den Entwurf und nachher
über die Ausführung war der Mann total begeistert. Der Jagdschrank war
zusammenlegbar, wurde gut verpackt und mit der Bahn geliefert.
Der äußerst
zufriedene Hofrat sagte zu meinem Vater:" Herr Baumann, wenn Sie einen
Wunsch haben, den ich erfüllen kann, so würde ich es gerne tun." Nach
Überlegung sagte mein Vater, dass er schon einen Wunsch hätte, aber es wäre
doch vielleicht zuviel verlangt. Da gerade für mich und für meinen Bruder 1938
die Firmung anstand, und wir noch keinen Firmpaten hatten, fragte mein Vater, ob
er die Patenschaft für uns Buben übernehmen könnte. Der gute, hohe Herr
stimmte sofort zu und versprach, zur richtigen Zeit mit
"Gefolge" mit Gattin und Köchin, einzutreffen.
Aber eine Panne musste noch kurz vor der Firmung aus der Welt geschafft werden. Bei der Firmprüfung einige Tage vor dem Termin, habe ich die Firmungsfragen für den Kooperator nicht gut genug beantworten können. Somit war ich nicht zur Firmung zugelassen. (Vielleicht auch deshalb, weil der Kooperator am Sonntag vom Altar zu mir heruntergeschimpft hat, da ich ein bisschen schwätzte.) Nun musste mein Vater noch kurz vor dem Firmsonntag mit mir zum Widum zum Herrn Pfarrer, der stellte mir noch eine Frage, und die Firmung war gerettet. (Der Herr Pfarrer war auch schon einige Male über die Holzarbeiten meines Vaters in der Kirche froh.)
Zum Empfang der hohen Herrschaften aus Niederösterreich wurden wir schon einmal gut vorbereitet. Meine Mutter erklärte uns, es sei üblich, die Gnädige Frau Hofrat nach dem Aussteigen mit einem höflichen Knicks und mit einem Handkuss zu begrüßen. Wir schauten uns an und glaubten, das wäre ein Scherz. .....Nein, nein, so das wollen wir jetzt einmal üben! Unsere Mutter spielte die Gnädige. Bei dieser Probezeremonie steigerten wir uns fast bis zum Lachkrampf. Da der Handkuss etwas tollpatschig wirkte, und wir doch zuviel feuchte Spuren auf dem Handrücken hinterließen, wurde der Handkuss gestrichen. Aber der Knicks beim Händegeben musste sein.
Vor der Ankunft des
Herrn Hofrats mit Gefolge mussten wir Buben die Holzböden und die Treppen kehren,
wischen und mit Bürste und Seifenwasser schrubben. Nun wurden die Herrschaften
mit großer Aufregung erwartet.
Jetzt kam das Auto, ja das waren sie. Wie elegant wir geknickst haben,
weiß ich nicht. Jedenfalls in der Aufregung bekam auch die Köchin ihre
Verehrung. Anscheinend gefiel den Frauen die Begrüßung und sie packten aus dem
Auto drei selten gesehen schöne Torten aus. Da wir nur mehr Augen für diese
Kuchen hatten, wurden wir gefragt, von welchem wir ein Stück gerne hätten.
Aber meine Mutter entschied, dass es erst später Kuchen gäbe, denn zu sehr
hätte sie uns sauber herausgeputzt.
Für die Fahrt zur
Firmung nach Imst wurde das Dach des Autos zurückgeklappt. So ging es einmal im
offenen Kabriolett winkend durchs Dorf. Auf der Rückfahrt flatterten noch
einige bunte Luftballons im Fahrtwind. Wer konnte damals mit einem solchen
Aufwand und so nobel gefirmt werden? Zu Hause angekommen, überreichte der Herr Hofrat
meinem Bruder und mir eine wunderschöne Taschenuhr mit Kette in einer
Samtschatulle. Das war für uns ein königliches Geschenk. Die Köchin hatte
inzwischen ein feines Mittagessen zubereitet und wir konnten zum gedeckten Tisch
sitzen.
Ehrlich gesagt, an den Bischof mit seiner Firmzeremonie kann ich mich am
wenigsten erinnern.
Die Uhr und die Kette sichtbar zu tragen, war damals nur gestandenen
Mannsbilder vorbehalten. So steckte mein Bruder die Uhr in seine Hosentasche, um
sie jederzeit herzeigen zu können. Leider verlor er dieses wertvolle
Firmgeschenk nach einiger Zeit oder man sie ihm gestohlen.
Ich besitze diese Kostbarkeit heute noch, denn
sie liegt in einer Schublade. Sie erinnert mich immer noch an das unvergessliche
Ereignis der Firmung.
1941
schrieb die Deutsche Kriegsmarine und der NS - Lehrerbund einen
Modellbauwettbewerb unter den Jugendlichen aus, mit dem Titel "Seefahrt ist
Not". Da wir damals mit Deutschland vereint waren, bedeutete dieses
Schlagwort für den Norden des Reiches viel mehr als für uns Tiroler.
Unter Anleitung meines Vaters schnitzte ich ein Wikingerschiff. Der
Drachenkopf gelang mir erst zum zweiten Mal. Mein Vater meinte, der Drachen sollte
schärfer seine Zähne zeigen. Die Schildchen konnte ich auf der Drechselbank
drehen. Das Schiff wurde noch mit Schnüren und Segeln bespannt und nach Köln
eingeschickt. Ich war sehr überrascht, als ich eine Urkunde zugeschickt bekam,
auf der stand, dass ich den Reichssieger - Preis gewonnen hatte. Dazu hatte
mir der Großadmiral, Oberbefehlshaber der Kriegsmarine eine Gratisrundreise durch "Großdeutschland" nach dem Krieg
versprochen. Aber wie dieses "Großdeutschland" nachher ausgesehen
hat, das wissen wir, und mein Wikingerschiff habe ich nie mehr wieder gesehen.
Ich habe mir dann später noch einmal ein solches Schiff nachgebaut.
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"Da bin ich als 14 jähriger doch stolz auf mein Schiff." |
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| Das erste Lastauto mit Vollgummirädern und Kettenantrieb gab es um die 20 iger Jahre in Starkenberg. Mit diesem LKW wurde das Bier in Fässern in das entferntere Ötz- und Pitztal transportiert. In die nähere Umgebung bis Landeck wurde das Bier mit Ochsen- oder Pferdefuhrwerken befördert. Um das Bier zu kühlen wurde im Winter das Eis aus dem Starkenberger See geholt. Große Eisplatten wurden aus der Eisdecke gehebelt, in handliche Brocken zerklopft und im tiefen Keller der Brauerei für den Sommer gelagert. Im Sommer holte man dann aus diesem Eiskeller die Eisbrocken heraus und lieferte sie mit den Bierfässern zum Kühlen mit. Ich kann mich noch gut erinnern, wie bei einem solchen Biertransport das Schmelzwasser aus dem Wagen auf die Straße triefte. |
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Bald musste mein Vater zum Wehrdienst einrücken. Da begann für viele Soldatenfrauen - und Mütter eine unsagbar harte Zeit, so auch für meine Mutter. Ich war gerade 14, mein älterer Bruder Rudi bald 16, mein jüngerer Bruder Toni 12 und meine kleine Schwester Rosl gerade 4 Jahre alt. Da mussten wir Buben schon hart anpacken. Mein Vater hatte schon vorher für uns kleinere Sensen gemacht und nun hieß es, zu den Wiesen zu Fuß hingehen und die großen Flächen mähen. Auf der großen Wiese angekommen, setzte sich meine liebe Mutter nieder und angesichts der bevorstehenden Schwerarbeit, weinte sie bitterlich. Zuviel Last ist nun zusammengekommen. Wie sollte sie die ganze Arbeit mit vier Kindern ohne Vater alleine bewältigen?
Nur eine kleine Fläche konnte händisch gemäht und anschließend "angerodet" (zerstreut) werden. Mit einer solchen langsamen Arbeitsweise erstreckte sich die "Grummeternte" über mehrere Wochen bis in den Oktober hinein. Nicht selten war in der Früh der Raureif auf der Wiese. Unzählige Handgriffe mussten gemacht werden, um das Heu in die Scheune zu bringen. Da waren auch noch die Rüben, die Kartoffeln und der Mais zu ernten. Die Jauche und der Mist mussten auf die Wiese gebracht und mit der Mistgabel zerstreut werden. Bei all diesen Arbeiten kam uns unser selbstgebautes Kuhfuhrwerk sehr zugute.
Für viele Soldatenfrauen - und Mütter, die ihre Männer und Söhne an der Front hatten, war die Situation noch viel schlimmer. Sie mussten ständig mit der Angst leben, eine Nachricht zu erhalten, die meldete: "......gefallen für Führer und Volk!"
Auch unsere Familie wurde natürlich nicht verschont. Bald musste auch mein älterer Bruder Rudi zum RAD (Reichsarbeitsdienst) einrücken. Das war später eine Vorausbildung zum Militär. Den Stadtburschen wurde beigebracht, wie man mit Spaten und Schaufel arbeitet. Sie haben u. a. die Straße vom Walchenbach nach Strad mit der Brücke gebaut. Ihr Lager war beim Gelände der heutigen Würth Firma in Dollinger. Die Männer wurden dann abgezogen und sie mussten den Spaten mit dem Gewehr vertauschen.
17 - 19 jährige Stadtmädchen wurden staatlich verpflichtet, einen Arbeitsdienst als "Maid" bei den Soldatenfrauen in der Landwirtschaft abzuleisten. Sie wurden im Lager Dollinger untergebracht. Sie kamen am Morgen in ihren Arbeitsuniformen auf ihren Fahrrädern zu den Bauersfrauen, halfen bei der Landwirtschaft und im Haushalt, und fuhren am Abend wieder zurück ins Lager. Meine Mutter sagte: "...jetzt habe ich ein Kind mehr, denn alles musste dem Stadtmädchen erst angelernt werden. Zu viele ungewohnte Arbeiten gab es für sie." Trotzdem war es für viele Bäuerinnen eine Hilfe und für die jungen Mädchen aus der Stadt eine wichtige Lebenserfahrung.
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Inzwischen musste auch ich als 17 jähriger Bursche 1944 einrücken. Somit war meine Mutter mit meinem jüngeren Bruder Toni, meiner kleinen Schwester Rosl und mit der Maid aus der Stadt allein. Die Landwirtschaft und zwei alte Leute, meine Großeltern, mussten versorgt werden. Im Dorf wurde ein Bauer vom Wehrdienst freigestellt. Er hatte den ersten Traktor mit Mähwerk und mähte den ganzen Tag bis spät in den Abend hinein für viel Bäuerinnen, deren Männer an der Front waren. |
Nach einer Wehrdienstausbildung in verschiedenen Lagern wurde ich im
Frühjahr 1945 mit vielen anderen
17 jährigen Kameraden an die vorderste Front in der Nähe von Prinzersdorf bei St. Pölten geschickt. Da sollten wir die Russen aufhalten oder
gar zurückjagen. An einem Waldrand setzten wir uns fest. In der Nacht konnten
wir aus einer Scheune in der Nähe Essen holen. Da stand eine Kinderbadewanne
mit Milchreis. Als ich mich noch tiefer in die Wanne beugte um mit der Hand noch
etwas Zuschlag zu ergrapschen, spürte ich einen harten Fußtritt vom Aufpasser.
Ein russischer Spähtrupp musste uns ausgekundschaftet haben, denn am Morgen
wurden wir intensiv unter Beschuss genommen. Überall knallte und krachte es.
Die Scheune brannte lichterloh. Ich lief in einer Talsenke über ein
sträuchergesäumtes Bächlein, um in einer Mulde besseren Schutz zu suchen. ...
Da ein gewaltiger Schlag! Mich warf es zu Boden! Unweit von mir schlug eine
Granate ein. Überall spürte ich brennenden Schmerz. Dreck und Gestrüpp, das
die Granate aufgefetzt hatte, flog auf mich und an mir vorbei. Mein erster Gedanke war ....
ich lebe! Ich schaute nach, ob ich noch Beine und Hände habe. Einmal hatte mir
ein Soldat auf Krücken erzählt, dass er im ersten Schock gar nicht spürte,
dass es ihm noch ein halbes Bein weggerissen hatte. Das Blut rann mir über das
Gesicht. Als ich den Stahlhelm abnahm, sah ich, dass der mir das Leben gerettet
hatte. Ein Granatsplitter durchschlug den Helm und hatte nur mehr die Kopfhaut
aufgeritzt.
Mehrere kleine Splitter verletzten mich am ganzen Körper.
Zwei Kameraden
brachten mich zu einer Erstversorgung. Die Kopfwunde wurde freigeschoren und
kontrolliert, ob auch der Schädelknochen durchschlagen wurde. Das war zum
Glück nicht der Fall. Von da ging es mit einem offenen
Lastwagen mit weiteren 20 Verwundeten ca. 35 km weit nach Ybbs a. d. Donau.
Diese Fahrt auf dem Laster war sehr schmerzhaft, auch manche anderen Verwundeten
schrien und jammerten. Endlich wurden wir auf ein Donauschiff gebracht, damit
ging es dann ruhiger stromaufwärts bis nach Linz. Dort wurden erst die schweren
Fälle und nach drei Tagen wurde auch ich endlich operiert.
Dabei ist es mit der
Erkennungsmarke eines gerade verstorbenen Kameraden und mit mir zu einer
Verwechslung gekommen. In dem großen Durcheinander und bei der Hektik nicht
verwunderlich. Am 19. April 1945 erfolgte die Meldung an das Standesamt
Linz, dass Ulrich Baumann verstorben sei. 22 Jahre später erkundigte sich
das "Schwarze Kreuz" Linz bei der Gemeinde Tarrenz über den
"Verstorbenen" und teilte mit, dass das Soldatengrab im Stadtfriedhof Linz
lautend auf "Ulrich Baumann" verwahrlost sei.
Dadurch wurde erst
der Irrtum aufgeklärt, aber welcher Soldat wirklich in diesem Grab liegt, wird
man nie mehr erfahren.
Nach
der Operation wurde ich in ein Barackenlazarett nach Gmunden überstellt. Der
Raum war total überfüllt mit 8 Betten und es spielten sich erschütternde
Szenen ab. Z.B. ein Verletzter neben mir hatte einen Bauchschuss, er
litt unter extremen Durst und trank aus einer Wärmeflasche. Er starb neben mir.
Infusionen wie heute gab es natürlich nicht.
Vom OP brachte man einen jungen Burschen, der noch ganz benommen vom
Narkoseschlaf war. Aufwachend jammerte er, dass ihm sein rechtes Bein so schmerzte.
Aber gerade dies hatte man ihm vorher abgenommen. Als er das bemerkte, schrie er
auf: "......was soll ich mit einem Bein oder mit einer Prothese auf dem
Acker!"
Mir tat der Junge so leid, dass mir selbst jetzt noch, während ich das
niederschreibe, die Tränen in den Augen stehen. Ich stellte mir auch vor, wie
traurig der Anblick beim Heimkommen sein muss, wenn der junge Mann einbeinig vor
der Tür steht?
Nach und nach stellte sich heraus, dass ich großes Glück hatte, dass keine
meiner Verletzungen mir bleibenden Schaden zufügten. Meine Wunden waren fast
verheilt aber noch verpflastert. Aber eine Verletzung am rechten Oberarm wollte
nicht heilen, da ein Granatsplitter ein Teil vom Knochen absprengte.
Bei einer
Röntgenuntersuchung wurde noch nach vielen Jahren ein erbsengroßer, verkapselter
Granatsplitter in der Thoraxwand festgestellt, der mir aber Gott sei Dank keine
Schwierigkeiten macht.
Im Juni 1945 wollte ich auf eigene Verantwortung entlassen werden und endlich nach Hause. Ich bekam einen Soldatenjacke, eine Hose und eine Mütze, die meinen halbgeschorenen Kopf mit Wunde und Pflaster bedeckte. Die Lazarettbekleidung behielt ich auch noch darunter an.
Das
Sammellager
Kaum in Freiheit schnappten mich zwei amerikanische Militärpolizisten der
Siegermacht. Nach einer Untersuchung nach Waffen brachten sie mich mit anderen "heimwollenden Soldaten" in
ein riesiges Sammellager bei Braunau. Viele Männer in Zivilkleidung, die zur
Tarnung einen Rechen, eine Sense, einen kleinen Hund oder sonst was trugen,
wurden aufgegriffen und eingesammelt. Statt nach Hause ging es genau an meinem
18. Geburtstag durch ein großes Stacheldrahttor ins Lager. Dort waren auch
ehemalige KZ (Konzentrationslager) Insassen und halfen den "Amis" ihre
Peiniger, die untergetaucht waren, zu suchen. Schon am Tor gab es die erste
Gesichtskontrolle. Nur ein Fingerzeig, eine
Ähnlichkeit oder Namensgleichheit mit einem belasteten Funktionär hätte
genügt, um in die so genannte "Schwarze Liste" aufgenommen zu werden.
Solche Listen wurden , wie ich später herausbekommen habe, aus dem ganzen Land
angeliefert. Das brauchte Zeit, darum diese lange dauernden Rückhaltelager.
Da wurden hohe Offiziere und Bosse der Nazipartei gesucht und
herausgefiltert.
Ja, da standen wir Neuankömmlinge nun. Als erstes kamen ein paar abgemagerte, bärtige Gestalten auf uns zu und fragten, ob wir nicht ein paar Zigaretten hätten. Ich war nun ein Gefangener, einer der Tausenden ehemaligen Soldaten hinter einem 4 m hohen Stacheldrahtzaun. Hinter einer Sicherheitszone von etwa 5 m umgab, lagerseits, noch einmal ein einfacher Stacheldraht, der auf circa 4m entfernten Pflöcken befestigt war, das Lager. In dieser Abstandszone war noch grüne Wiese mit Grasbewuchs. Wachtürme und Wachsoldaten standen bereit und ein Maschinengewehr war gut sichtbar aufgebaut, um einer evt. Massenrevolte vorzubeugen.
Hier im Lager war jeder auf sich allein gestellt. Ich musste mir zuerst mal einen Platz zum Hinliegen suchen. Auf einer Seite standen einige Baracken, die erwartungsgemäß total überfüllt waren. Auch auf den Gängen wurde ich weitergejagt, als ich versuchte, doch noch einen Platz einnehmen zu können. Nun versuchte ich im Freien einen Platz zu finden. Da die Baracken auf abfallendem Gelände standen, ergaben sich darunter neben den Sockeln einige trockene Lagerplätze. Die waren aber auch schon alle besetzt. Ich kroch weiter nach hinten. Wo der Platz nur mehr 50 cm hoch war, konnte ich mich niederlassen. Jetzt brauchte ich noch eine Unterlage. Da fiel mir das Gras in der Abstandszone ein. Ich langte mit der Hand durch den Zaun und wollte einen Büschel Gras abrupfen. Da hörte ich ein Geschrei .........schnell weg, sonst bist du hin! Der Wachposten auf dem Wachturm hatte schon das Gewehr auf mich angelegt. Ich wusste nicht, dass die Sperrzone so streng bewacht und ohne Warnung auf jeden geschossen wurde.
So hatte ich noch Glück gehabt, und den Grasbüschel nahm ich zum Trocknen mit in meinen "Fuchsbau". Das bisschen Heu, etwas Erde und meine Mütze war mein Kopfpolster und meine Soldatenjacke die Unterlage oder nach Bedarf auch gleichzeitig die Decke.
Einmal
am Tag gab es einen Schöpfer Suppe. Ein lautes "Geschepper"
signalisierte
die Suppenausgabe, die unter strenger Aufsicht vor sich ging. Alle Gefangenen mussten sich mit einer Dose oder einem
anderen Gefäß anstellen. Ich besaß zuerst nur eine schmale leere Dose,
und so ging die Hälfte der wertvollen Suppe daneben. Ich konnte mir nur noch
die Finger abschlecken. Ich organisierte mir eine größere Dose für Suppe,
Kaffee und Trinkwasser.
Pro Mann gab es täglich noch eine dünne Scheibe Brot und
schwarzen
Kaffee. Dabei versuchte jeder noch zusätzlich etwas Kaffeesatz vom
Kesselboden zu ergattern. Der Feigenkaffeesatz war immerhin etwas feste Substanz
zum Magenfüllen.
Das ganze Brot für das Lager wurde unter strenger Bewachung
in großen Jutesäcken angeliefert. Mit der Zeit sammelten sich am Sackboden
eine Menge Brotkrumen stark vermischt mit den Fasern vom Jutesack. Wir
Jugendliche bekamen oft noch als Sonderzulage eine Handvoll dieser Mischung in
die dünne Suppe. So ein leerer Sack als Liegeunterlage hätte mir schon gut
gefallen. Aber das Risiko für einen missglückten Griff, vielleicht Hiebe auf
meine noch unverheilten Wunden zu bekommen, wollte ich doch nicht eingehen.
Inzwischen gewöhnte ich mich an meinen Schlafplatz und war froh, bei der Hitze
im Hochsommer ein schattiges Plätzchen zu haben. Denn die meisten anderen waren
einfach der prallen Sonne oder dem Regen ausgeliefert.
Durch
einen Teil des Lagers floss langsam ein etwa 20 cm tiefer und 3 m breiter
Bach. Der obere Teil dieses Gewässers wurde als Trinkwasser verwendet und
weiter unten durfte das Wasser zum Waschen und Baden genutzt werden. Etwas
abseits im Lager im freien Feld waren lange schmale Gräben, die Latrinen. Es
war vielleicht nur alle 4 - 5 Tage notwendig, diese Toilettenrinne für das
"große Geschäft" aufzusuchen.
Wir litten alle unter ständigem
Hunger und so gab es fast nichts zum Verdauen. Deshalb war das Gesprächsthema
Nr. 1 ständig über ein Traumessen. Interessant dabei war, dass immer
eher über Mehlspeisen wie Kaiserschmarren, Apfelstrudel, Milchreis mit Apfelmus
gesprochen wurde. Einen fetten Schweinebraten hätte zu dieser Zeit der auf
Sparflamme eingestellte Magen wahrscheinlich gar nicht verkraftet.
Zum Waschen und Kleiderwaschen waren alle nackt. Niemand hatte Wechselkleidung.
Zum Glück war es Sommer und wir konnten die Kleidung trocknen lassen und wieder
anziehen. Da sah man, wie abgemagert die Männer waren.
Einmal kam ein Mann zum Bach, der körperlich noch recht gut beisammen war.
"Was hat der für eine komische Badehose an"? dachte ich im ersten
Moment. Aber das war ein großer Hautlappen der vom Bauch so halbrund bis
zu den Oberschenkeln runterhing. Das muss wohl ein wohlhabender Mann mit einem sehr
großen Bauch gewesen sein, der nun auch eine unfreiwillige Abmagerungskur
hinter sich hatte. Da gab es auch noch andere "Lappenträger" aber mit
kleinerem Format.
Durch
die Unterversorgung war der Körper so geschwächt, dass wir nur in Etappen aus
dem Liegen aufstehen konnten. Erst wenn sich der schwarze Vorhang vor den Augen
wieder etwas gelichtet hatte, konnte man etwas höher gehen, sonst hätte man
das Gleichgewicht verloren. Nicht nur mir ging das so und manche kamen
überhaupt nicht mehr hoch. Diese Patienten wurden in ein großes Zelt gebracht
und extra versorgt. Ab und zu hörte man verzweifelte Protestschreie
durchs Lager rufen ........die sollen uns vergasen oder erschießen, aber nicht
elendig verhungern lassen! "......da dreht wieder mal einer durch,"
hörte ich nebenan.
Die starken Raucher traf es doppelt, die litten auch noch unter
Entzugserscheinungen.
2 -3 mal flogen bei Übungsflügen amerikanische Kampfjets aus großer Höhe auf uns herab und brausten mit gewaltigen Getöse nur 20 m über unsere Köpfe hinweg. Die Piloten schienen sich einen Spaß daraus zu machen, zu zeigen, dass nun sie die "Herren" sind.
Einmal knallte ein Schuss vom Wachturm, bald darauf noch einer. Was war geschehen? Ein marokkanischer Wachsoldat hatte einfach so aus Jux oder Langeweile eine Amsel vom Zaun geschossen. Einer von den Gefangenen wollte darauf den toten Vogel aus der Sperrzone herausholen, um ihn in der Feldküche zu braten. Dann wieder ein Schuss und der Mann wurde mit einer Kugel vom Wachsoldaten niedergestreckt. Der Mann lag noch mehrere Stunden zur Abschreckung am Zaun. Erst am Abend kamen 2 Marokkaner mit einem Jeep. Mit einer Stange hob der eine von außen den Stacheldraht hoch, während der andere den Toten herauszog. Wie ein Stück Holz wurde er auf einen Jeep geworfen und abtransportiert. Uns hat dieses dramatische Erlebnis sehr berührt und es wurde mir bewusst, wie wenig ein Menschenleben zählte und wie sinnlos und unnötig noch nach Kriegsende getötet wurde.
Ende
der 3. Woche des Hungerns und voller Erniedrigungen wurde ich in einen Raum
gebracht. Ein deutschsprechender Siegeroffizier verhörte mich gründlich über
Partei, Kampfeinsatz, Einheit und vieles mehr. Ich sagte, dass ich aus dem
Lazarett kam und noch unverheilte Wunden hatte. Diese musste ich ihm zeigen. Da
war das Verhör beendet. Nun erhielt ich sofort frische Pflaster, (denn die
Wunden waren zu lange Zeit unversorgt) und einen Lagerstempel auf den
Handrücken. Ein "Halbschwarzer" brachte mich zum Tor, ein Wink zur Wache, und
.......... draußen war ich.
Die
Heimkehr
Ich schaffte gerade noch die 3 km zum Bahnhof. Auf einer Bank saßen 2 Frauen
mit einem kleinen Kind. Das Kind alberte mit der Mutter und lachte dabei
herzhaft. Auf einmal wurde mir bewusst, dass ich seit vielen Monaten kein
lachendes Kind mehr gesehen hatte.
Ich muss erbärmlich ausgesehen haben, bis zu den Knochen abgemagert und
mit schmutzigen Kleidern. Die beiden Frauen fragten
mich, ob ich aus dem Lager käme, wohin ich wollte und ob ich schon etwas
gegessen hätte. Die Frauen wohnten in der Nähe und luden mich zu einer warmen
Suppe mit Brot ein. Danach brachten sie mich zum Zug nach Innsbruck. Fahrkarte
brauchte ich keine. Ich bedankte mich sehr und nun ging es der Heimat zu. In
Innsbruck musste ich umsteigen und auf dem Bahnsteig traf ich ganz zufällig
meinen jüngeren Bruder Toni. Die Freude war groß. Auf der Fahrt nach Imst
erzählte er mir, dass man von unserem Vater und vom älteren Bruder Rudi noch
nichts gehört hatte und unsere Mutter um uns drei schon sehr besorgt war. Zu
Hause angekommen, konnte es mein Bruder kaum erwarten und lief voraus und
schrie: "Mama, schau, wen ich da mitbringe!" Wir stürmten aufeinander
zu, weinend vor Freude konnte meine Mutter immer nur sagen:
".......wenigstens einer, wenigstens einer von den dreien ist
daheim!"
Als ich bereits einen Tag zu Hause war, kam der Briefträger zu mir. Er
überreichte mir ein Schreiben und sagte: "Ulrich, du bist der einzige und
der erste, dem
ich nun die eigene Todesnachricht überreiche......Auf dem Postamt ist vor einiger
Zeit dieses Schreiben mit deiner Todesmeldung aus Linz eingetroffen . Aber ich hatte einfach
das Gefühl und eine gewisse Eingebung, dass mit dieser Nachricht etwas nicht
stimmte, wollte es nicht glauben und wollte diese Meldung auch nicht
deiner Mutter bringen!"
So ließ der Briefträger diese schreckliche
Nachricht abwartend liegen. Über meine Heimkehr freute er sich sehr, auch
über seine bestätigte Eingebung. Somit hatte er meiner sowieso geplagten Mutter
ungeheuerliches Leid erspart.
Diesem Briefträger war meine Mutter ihr
Leben lang dankbar.
Erst 8 Monate nach Kriegsende, am 26. 1. 1946 kam unser lieber Vater nach endlosen 3 Jahren aus Krieg und Gefangenschaft nach Hause. Er musste in Frankreich in einer Tischlerei arbeiten. Insgesamt war er über 5 Jahre von seiner Familie getrennt. Dieses Wiedersehen war unvergesslich. Er schaute um sich und fragte, wo der Rudi ist. Eine Antwort konnte niemand aussprechen, zu tief greifend war die Frage. Ein leichtes Kopfschütteln genügte und auch er wusste Bescheid. Wir hofften noch viele Monate auf die Rückkehr von Rudi. Meine Mutter hatte oft für uns gebetet, nun galten die Gebete besonders dem Vermissten, ob lebend oder tot. Nach etwa 2 Jahren stand auch sein Name auf der Vermisstenliste des II. Weltkrieges mit 63 anderen Männern und Burschen aus Tarrenz.
Im I. Weltkrieg von 1914 -1918 waren es 43, die in fremder Erde geblieben sind.
Das sind insgesamt 106 Väter und Söhne, die in beiden Kriegen innerhalb von 31
Jahren aus unserer Gemeinde ihr Leben lassen mussten.
106 Tote, was hinter
dieser trockenen Zahl an Verzicht, Hoffen, Bangen, Blut, Tränen und
Verzweiflung steckt, vermag niemand zu beschreiben. Ganz junge Burschen,
fast noch Kinder, haben sterbend nach ihrer Mutter gerufen. An beiden Seiten, bei denen
an der Front und zu Hause, war das Leid unbeschreiblich.
Baumann
Ulrich´s weiteres Leben nach der Heimkehr aus dem II.
Weltkrieg 1945:
Nach
dem Krieg wieder zu Hause und nach
einer kurzen Erholungspause meldete ich mich wieder bei meiner Baufirma Robert Wörle.
Der gute Mann war inzwischen verstorben. Unter neuer Bauleitung von Ing. Haflat
wurden wir als kleiner Bautrupp in die Imsterau beordert. Dort wurden in den
letzten Kriegstagen noch einige Häuser schwer beschädigt oder gar abgebrannt.
Die große Landmaschinen-
Firma Steiner in Innsbruck hatte wegen der großen Bombengefahr in der Stadt
lange vorher viele Maschinen in eine große Scheune nach Imsterau zur Sicherheit
gebracht. Aber genau auch dort wurde alles vom Feuer vernichtet.
In den weiteren Jahren war ich auf zahlreichen Baustellen von der
Fernpasshotelruine bis Obergurgl im Ötztal beschäftigt. Meistens war ich mit
dem Moped unterwegs. Außer einmal mussten wir zu Fuß durch den Wald im Schnee
zu den Linserhöfen eine ¾ Stunde hinaufgehen. Dort durchnässt und schon müde
angekommen, standen wir vor einer eingeschneiten Baustelle. Dort wünschte ich
mir schon auch eine warme Werkstättenarbeit. Da aber mein älterer Bruder Rudi
sich schon vorher für die Tischlerei meines
Vater entschlossen hatte, und wir ihn als Heimkehrer erwarteten, blieb ich im
Baugewerbe.
Ab 15. 2.1961 bis zu meiner Pensionierung im Jahre 1988 arbeitete ich fast 27
Jahre lang im SOS – Kinderdorf in Imst als Dorfmeister.
Auszug aus dem Jubiläumsbuch zur 40 - Jahr Feier (Kinderleben SOS – KINDERDORF IMST 1949 – 1989)
Ulrich
Baumann, ein pensionierter Dorfmeister berichtet:
Als ich im Jänner 1961 nach einer Stellenausschreibung für einen Dorfmeister
im Kinderdorf beworben habe, arbeitete ich im Baugewerbe
als Maurer. In der Winterszeit hatte ich die Möglichkeit, in der kleinen
Dorftischlerei meines Vaters mir verschiedene handwerkliche Kenntnisse
anzueignen. Natürlich kam mir dies im Kinderdorf sehr zugute. Mir tat sich
damals beim Einstand ein sehr großes, vielfältiges und abwechslungsreiches
Arbeitsfeld auf – ein ganzes Dorf mit damals 18 Häusern, im hügeligen
Gelände, steilen, unasphaltierten Wegen, die immer wieder vom Regen ausgespült
wurden. Die Wiesen sollten alle von Hand jährlich mehrmals gemäht werden. Um
die Wegränder, Brunnen und Spielplätze sauber zu halten, mussten auch die großen
Buben öfters mithelfen. Allerdings waren dabei die Besen, Rechen und Schaufeln
mehr in der Luft als am Boden. Schubkarren wurden als Rennfahrzeuge mit Besatzung
über Stock und Stein gefahren. Dass beim Bänkestreichen die Farbe manchmal
auch anderswo war, sei nur nebenbei erwähnt. Beim Hecken- und Holzschneiden war
die die Ausdauer der Buben schon sehr auf die Probe gestellt. Ein andermal wurde
mit der Handsäge auch gleich der Sägebock mitzersägt und bei mir die
Meldung gemacht: "Wir sind schon fertig!"
Zersprungene Fensterscheiben aus dem Rahmen zu schlagen um neue einzusetzen, war
eine besonders beliebte Tätigkeit. Da kam es schon vor, dass aus Übereifer die
danebenliegende ganze Scheibe auch in Scherben ging. Als ein Fassadenwand zur Gänze
mit einem schmutzignassen Fußball "gestempelt" wurde, erinnerte ich
mich auch an meine eigene Lausbubenzeit. Im allgemeinen zeigten die Buben fürs
handwerkliche Geschehen in der Werkstätte Interesse. Da gäbe es Arbeiten aller
Art an Haushalts-, Spiel- Sportgeräten. Dauernd gab es an Fahrrädern und
Rollern etwas zu reparieren, welche
die Burschen meist unter meiner Anleitung selbst wieder instand setzten.
Arbeiten, wo es etwas zu bohren, schrauben, oder zu leimen gab, z.B. an Rodeln,
machte ihnen besonderen Spaß. Da war es sicher möglich, dass bei manchen Buben
durch diese Arbeitsanregungen der Funke für einen späteren Beruf gelegt
worden ist.
Besonders freute ich mich immer wieder, wenn später diese dem
Kinderdorf entwachsenen Menschen mich als tüchtige Maler, Schlosser, Tischler,
Mechaniker, Elektriker, Glaser oder Gärtner in der Werkstätte besucht haben.
Natürlich gab es bei so vielen auch solche, die sich im Leben schwer taten.
Da das Kinderdorf Imst als erstes und in der Nachkriegszeit mit bescheidenen
Mitteln gebaut wurde, gab es an den Häusern immer wieder etwas zu
erneuern, aus – oder dazuzubauen.
Die Kinder von fünf Familien hatten ihre Badegelegenheiten im
Gemeindehauskeller. Sie bekamen durch Erweiterung ein eigenes Bad ins Haus, auch
eine größere Küche und Zimmer. Weiters wurden zwei neue Häuser und das Mütterhaus
gebaut. Ein neuer Sportplatz wurde angelegt. Wichtig
waren die Telefonanschlüsse. Dafür durch das ganze Dorf im steinigen und
verwurzelten Waldboden das Kabel einzugraben, war schon ein hartes Stück
Arbeit. Zahllose Erneuerungen könnte man noch anführen.
In meiner 26 jährigen Dienstzeit im Kinderdorf konnte ich immer wieder mit
Bewunderung sehen, wie sich die Kinderdorfmütter jederzeit für ihre Kinder
einsetzten. Besonders gebührt auch den jungen Müttern, welche aus einer
Wohlstandszeit heraus sich für
diesen verantwortungsvollen, schönen, aber schwierigen Beruf entschlossen
haben, besondere Anerkennung.
Ich wünsche all diesen und auch den anderen Mitarbeitern alles Gute,
Kraft und Freude, am großartigen, weltweiten Werk "Kinderdorf" ihr
Bestes zu geben.
Wegen der netten Gemeinschaft denke ich noch gerne an die Zeit meiner Tätigkeit
im SOS – Kinderdorf Imst zurück.
Ulrich Baumann, 1989
Dafür
gibt es Dokumente von Anfang an. Aus mündlicher Überlieferung meiner Vorfahren
hat der Erbauer dieses Hauses dem Vorbesitzer dieses Grundstückes ein Angebot
gemacht. Er könnte sich dann im Haus eine Werkstätte einrichten und seine
kleine Fassbinderei aus einem kleinen Holzschuppen in das Haus verlegen. So
geschah es auch. Einmal machte er ein Fass, das als es fertig war, nicht mehr
durch die Tür passte. So hackte der Fassbinder einfach vom Türstock links und
rechts eine Mulde heraus, sodass dann das Werkstück
herausgebracht werden konnte. Diesen Türstock mit den besagten Kerben
habe ich 1943 unter anderem mitsamt der Tür ausgewechselt. Als meine Eltern
dieses Haus 1929 von Otto Sturm geerbt hatten, sah es wie auf dem alten Foto aus. Im
Parterre war eben diese ehemalige längst aufgelassene Werkstätte. Da schliefen
dann wir 3 Buben. Im Winter bildeten sich Eiskristalle auf den Außenwänden. Im
Sommer schliefen wir auf dem Balkon, den unser Vater 1930 vorgebaut hatte. In
der unteren abgeschalten Ecke hatten wir unser Strohsacklager.
Die alte Selchküche
Im ersten Stock war nur eine kleine
Küche mit einem Holzherd mit Eisenringen. Diese hatte ein
rußgeschwärztes Gewölbe, weil sie auch
vor 1915 als Selchküche
genutzt wurde. Die Würste, der Speck und das Fleisch aus der eigenen
Hausschlachtung wurden in dieser Küche geselcht. Der Rauch wurde zu einem
riesigen Kamin geleitet.
Dieser Kamin hatte im Dachboden für den Schornsteinfeger
eine Einsteigtür. Solche Kamine waren im Dorf noch öfters im Gebrauch.
Der Kaminkehrer musste in das Innere des Kamines einsteigen, sich
mit ledergepolstertem Rücken, Ellbogen und Knie anstemmen, und den
Rauchzug von oben nach unten abkratzen. Eine dreckigere, schwärzere und gefährlichere
Arbeit kann man sich kaum vorstellen. Vom schwarzen Gesicht des Kaminers sah man
nur das Weiß der Augen und die Zähne beim Sprechen.
Südseitig war das Zimmer meiner Oma vaterseits. Als diese Frau 1952 mit 91
Jahren starb, habe ich die Zwischenmauer herausgenommen und so die Küche um 2/3
vergrößert. Das Abtragen dieses Kamins, des Gewölbes und der dicken
Zwischenmauer war ein aufwändige und schwierige Arbeit, davon man heute keine
Ahnung mehr hat. Nun konnten wir auch bis zu 10 Personen in der Küche essen.
Vorher musste das Essen in die Stube getragen werden. Dort stand ein großer
Tisch, die Betten meiner Eltern und der Schreibtisch als Büro meines Vaters.
Der Stall
Im Stall hatten wir 2 Kühe, ein
Jungtier, fast immer 2 Schweine, über dem Schweinestalle ein Verschlag für 10
–15 Hennen, im Nebenraum 6-8
Schafe. Die Tiere wurden mit Holzeimern, die mein Vater gemacht hatte, getränkt.
Plastikeimer gab es noch nicht. Der Mist musste täglich mit einer großen
Holzschubkarre durch den Hausgang heraus gebracht werden. Dazu wurde über die 3
flachen Stufen ein Brett gelegt. Da ist es auch schon vorgekommen, dass ich
bei zu voller Ladung beim Anschieben über diese Steigung ausrutschte,
und mit dem Gesicht im Mist landete.
Die Jauchengrube im Stall war viel zu klein. Diese wurde öfters von Hand
mit einem Stielschöpfer ca. 6 –8 Liter über einen Trichter ausgeschöpft.
Die weitere Verbindung ging durch die Waschküche in ein Blechrohr. Dieses wurde
an zwei an der Mauer vorstehende Stutzen bei Gebrauch eingesetzt
und wieder abgenommen.
Einmal stand unter diesem Jauchestutzen der Holzzuber mit eingepökeltem Fleisch
und Speck. Unser damaliger Knecht Scheidle Karl vergaß das Blechrohr anzuschließen
und so ergoss sich die Jauche in den Fleischzuber. Das war dann richtiges
"Surfleisch" und ein Jahreskatastrophe.
Das Bad
Mein Vater hatte mit viel Mühe für die Waschküche einen Abfluss zum Bach
geschaffen. Bis dahin musste das Überwasser hinausgetragen werden, so auch das
Badewasser aus dem Holzzuber. Mein
Vater betonierte einen Trog mit Abfluss zum Bach. Aber der Beton war zu kalt und
wenn das Wasser noch so heiß vom Waschkessel eingefüllt wurde, das Wasser kühlte
sofort wieder ab. Die Hoffnung auf ein warmes, gutes Bad endete mit einer Enttäuschung.
Nur der Abfluss brachte Erleichterung. Denn alle Abwässer konnten nun über den
Trog entsorgt werden.
In der vergrößerten, neuen Küche
im 1. Stock gab es nun mehr Platz. So konnte eine vom Spengler gemachte
Blechbadewanne angeschafft und
aufgestellt werden. Das Badewasser wurde im Holzherd und in der Waschküche erwärmt
und in die Blechwanne geschüttet.
Da haben dann alle in der warmen Küche im
gleichen Wasser gebadet. Danach
wurde das Badewasser ausgeschöpft und in die Abwasch entleert. Die tragbare
Wanne konnte wieder weggebracht werden.
In der unteren Stube hatte man um 1932 einen Backofen kombiniert auch als
Heizofen mauern lassen. Da aber durch den Aufbau die Hitze falsch verteilt war,
wurde das Brot nicht gleichmäßig gebacken. Das Brot war unten teigig, in der
Mitte hohl und oben bildete sich eine harte Kruste. Diesen Backofen habe ich
dann später herausgerissen und an dieser Stelle einen Selchraum gebaut, der
heute noch besteht aber nicht mehr gebraucht wird.
Geheimnisvoll verschlossener Raum?
So um 1932, ich war 5 –6 Jahre
alt, gab es im Winter eine Zeit, da
durften wir Buben überhaupt nicht in die Waschküche. Die Türe war immer fest
verschlossen und dahinter wurde geheimnisvoll gewerkelt. Um dem auf die Spur zu
kommen, spähten wir durch ein kleines Astloch in der Tür. Aber auch da konnten
wir nicht erkennen, was da hinter verschlossener Tür vor sich ging. Erst viel
später erfuhren wir, dass damals mein Vater mit seinem Tischlergeselle
verbotenerweise Schnaps gebrannt hatte. Das Selberbrennen von Schnaps hätte bei
Finanzamt gemeldet werden müssen. Dies wäre mit hohen Auflagen und Steuern
belegt worden. Da durfte natürlich durch uns Buben nichts an die Öffentlichkeit
kommen. Mein Vater besaß zum Brennen keinen speziellen Kupferkessel, so
verwendete er den Waschkessel. Der hielt aber diese Prozedur auf Dauer nicht aus
und wurde kaputt. Meine Mama jammerte und meinte, dass man mit dem Geld, das ein
neuer Waschkessel gekostet hat, genug Schnaps ohne Arbeit und Furcht hätte
kaufen können. Aber wahrscheinlich war da auch der Reiz des Verbotenen im
Spiel.
Schafe hüten
Um 1935 musste ich als 8 jähriger Bub mit meinem Bruder die Schafe auf die
Weide treiben. Nicht etwa auf die Wiese, sondern in die Waldlichtungen beim
Walchenbach. Unter den Nadelbäumen lagen viele "Totschlen" also die dürren
Fichten- und Föhrenzapfen. Diese waren eine gute Anfeuerungshilfe im Holzherd,
deshalb war Schafe hüten und nebenbei "Totschlen" sammeln
unser Auftrag. Also wenn man
sich das mal für heutige Verhältnisse so vorstellt – 2 Buben 8 und 9 Jahre
alt, mit 10 Schafen und einem
kleinen Ziehwägelchen auf der Fernpassstraße unterwegs. Aber damals war eben
noch fast kein Autoverkehr. Am
Nachmittag hatten wir bereits 2 Kartoffelsäcke voll mit der Zapfensammlung
geladen. Nun wollten wir auch etwas Spaß haben und spannten 2 männliche
Schafe mit Stricken vor das Holzwägelchen. Da es auf der damals schon
asphaltierten Straße gleich etwas abwärts ging, geriet die ganze Schafherde
und das Gespann in Galopp. Wir Buben hatten Mühe hinterherzulaufen. Der zweite
Sack lag obenauf und war nicht richtig zugebunden. Er ging auf und die mühsam
gesammelten Holzfrüchte ergossen sich schön verteilt auf die Straße entlang.
Bis wir die Herde bei der nächsten Steigung bremsen konnten, lag die Bescherung
schon hinter uns. Der Straßenreiniger, der täglich die Kuh-, Pferde- und
Ochsenhinterlassenschaften wegräumen musste, wird sich über die neue Variante
der Verschmutzung gewundert haben. Zuhause mussten wir erklären, warum wir
nicht den Sack voll gesammelt hätten. Dass wir die Ladung verloren haben,
wurde uns nicht geglaubt, war aber die Tatsache.
Womit wir nicht gerechnet hatten, gab es damals schon kritische "Tierschützer"
die das "Schafeeinspannen" zufällig beobachteten.
Die haben das gleich in der Schule dem Lehrer gemeldet und wir bekamen
eine Verwarnung. Wir mussten noch öfters Schafe hüten und Zapfen sammeln, aber
es gab kein Schafgespann mehr.
Fotografieren
Viele Leute kamen am Sonntag nach dem Kirchgang,
mit Familien schön
angezogen, um ein Familienfoto machen zu lassen. Das ganze Aufstellen
dauerte oft bis zu einer halben Stunde. Bei uns in der Waschküche
war das Entwicklungslabor eingerichtet. Dies zu beschreiben, würde eine
weitere Seite füllen. Es ist viel einfacher und leichter, die schönen
Aufnahmen und Werke meines Vaters anzuschauen und zu bewundern.
Liebe junge Leser,
bedenkt,
dass wir bereits 57 Jahre Frieden in unserem wunderschönen Land haben, um das
uns viele beneiden. Es ist euch viel Schlimmes erspart geblieben, das eure Groß
- und Urgroßeltern während der Weltkriege erleben mussten. Fragt sie selber,
solange ihr noch könnt.
Lasst euch auch von den gewaltigen technischen Veränderungen und den
verbesserten Lebensbedingungen erzählen, die im 20. Jahrhundert geschehen sind.
Dass dieses Erlebte nicht verloren geht, solltet ihr es auch euren Kindern
weitererzählen. So kann auch die nächste Generation darüber nachdenken
und ein besseres Leben schätzen.
Durch meine Erzählungen könnt ihr euch als die nachkommenden Generationen vielleicht ein besseres Bild über das Leben in den früheren Zeiten machen. Ihr jungen Leute solltet es zu schätzen wissen, in einer offeneren, freieren Gesellschaft und Zeit geboren zu sein Und was die körperliche Arbeit betrifft, leben wir heute in einer unvergleichlich besseren Zeit. Ihr solltet bitte aber dabei nicht vergessen, dass es eure Vorfahren waren, die euch zu dem heutigen Wohlstand verholfen haben.
Ich danke allen, die meine Erzählungen gelesen haben und wünsche euch allen Gesundheit und vor allem Frieden und Zufriedenheit.
Ich bedanke mich auch bei allen älteren Dorfbewohnern, die mir mit ihren wertvollen Informationen geholfen haben, meine Erzählungen zu erweitern und zu ergänzen. Vielleicht wissen noch mehrere Leute interessante Geschichten, die wir hier so weitererzählen könnten.
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Ulrich Baumann |
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